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Fraktionsprofil – Die stählerne Bruderschaft

Emil Pagliarulo

Emil Pagliarulo
Lead Designer

Wie vergöttert man eigentlich Technologie?

Ist es so simpel wie die Anbetung eines goldenen Roboterkalbs? Vielleicht wird “Gott” als eine Art empfindungsfähige künstliche Intelligenz betrachtet, die im Austausch für Großtaten und Wohlwollen Unterwürfigkeit verlangt?

Oder könnte es unter Umständen sein, dass die Menschenrasse diese Frage bereits beantwortet hat, nämlich damit, dass Technologie schlicht und einfach in Form von Besessenheit und Errungenschaft verehrt wird?  Wir sind ein technologisch dominiertes Volk, von unseren stromversorgten Städten bis hin zu unseren wissenschaftlich technisierten Antidepressiva-Medikamenten. Und jede Sonntagsmesse, die wir verpassen, weil wir zu Hause bleiben und auf unseren HD-Fernsehern Fußball gucken, ist mehr denn je ein weiterer Beweis dafür, dass die Technologie die uns wichtigste Gottheit ist.

Und jetzt stellen Sie sich mal all den Zwang, all die Sucht vor, die uns als Rasse rund um den Globus verbindet, und bringen Sie sie in einer Gruppe von Leuten auf den Punkt. Malen Sie sich die Manie und den Eifer, das niemals endende Verlangen nach technologischer Überlegenheit und die letztendliche Sinnlosigkeit eines solchen Ziels aus.

Stellen Sie sich, mit Verlaub, die stählerne Brüderschaft vor.

BOS Power Armor

In Fallout 3 ist die stählerne Brüderschaft eine der wichtigsten und einflussreichsten Fraktionen, denen Sie begegnen werden. Und obwohl es sich hierbei um eine militärische Organisation handelt, gleichen die Werte und die Befehlsstruktur der Brüderschaft in Wirklichkeit mehr einem mittelalterlichen Ritterorden. Wie die einstigen Tempelritter betrachten sich auch die Mitglieder der stählernen Brüderschaft als rein, in anderen Worten als rechtschaffen - d.h. wahrhaft menschlich in einer Welt erfüllt von sowohl physischer als auch moralischer Korruption.

Doch ist es die Vergötterung der Technologie, die sie wirklich definiert und antreibt. Für einen Paladin der stählernen Brüderschaft ist die Power Armor sein Plattenpanzer, ein motorisch angetriebener Super Sledge sein Kriegshammer. Ein nicht kämpfender Skribent mehr ein Wissenschaftler als ein Gelehrter, der den Computer benutzt wie ein Mönch im Mittelalter Feder und Tinte.    

Doch die Nutzung der erworbenen Hightech-Gerätschaften allein reicht den Mitgliedern der stählernen Brüderschaft nicht aus. Die gesamte Existenz der Organisation beruht auf dem Erwerb von Technologie. Was immer sie haben, ist niemals genug. Ihre beste Ausrüstung? Könnte besser sein. Auch wenn diese endlose Suche nach Hightech-Spielereien lediglich bedeutet, die guten Dinge anderen vorzuenthalten, die wirklich Nutzen daraus ziehen könnten, wäre das in den Augen der stählernen Brüderschaft in Ordnung.

Es war also für niemanden in der stählernen Brüderschaft eine Überraschung, als der regierende Rat des Ordens mit Sitz in Südkalifornien den Entschluss fasste, ein Kontingent von Soldaten Richtung Ostküste mit folgenden zwei Zielen zu entsenden:

  1. Die Ruinen von Washington D.C., einst Hauptstadt der Nation, zu durchforsten und jegliche und alle fortschrittlichen Technologien zu bergen. Schließlich war D.C. die Heimat des Pentagons, dem Hauptquartier des US-Verteidigungsministeriums. Wer weiß, welche Geheimnisse oder Ausrüstungen zurückgelassen wurden ...
  2. Den Berichten über Aktivitäten seitens Supermutanten nachzugehen. Könnte es zwischen diesen Kreaturen und jenen, die nach der Zerstörung des Masters ostwärts geflohen waren (wie am Ende von Fallout 1 geschildert), eine Verbindung geben? Oder waren diese Supermutanten etwas gänzlich anderes?

Und so machte sich ein Kontingent hartgesottener Soldaten der stählernen Brüderschaft unter Führung eines idealistischen Paladins namens Owyn Lyons (in Begleitung seines Freundes und technologischen Ratgebers, Skribent Rothchild, sowie seiner sieben Jahre alten Tochter Sarah) vom Lost Hills Bunker in Kalifornien auf den Weg  nach Osten und dem, was einst Washington D.C. war. 

Nicht lang nach Ankunft der Gruppe im Wasteland des Kapitols machte der Trupp ein paar bemerkenswerte Entdeckungen.

Weapons

Das Pentagon war wie befürchtet größtenteils zerstört. Doch seine unteren Etagen waren intakt geblieben und enthielten genug vorkriegszeitliche Technologien und Waffen, um Lyons Truppen auf unbestimmte Zeit gut versorgt zu halten (nachdem die Verteidigungsroboter vernichtet wurden). Doch war da noch etwas anderes ... ein technologisches Wunder, das der Brüderschaft nach Restaurierung dazu verhelfen könnte, wieder die Macht und den Ruf zu erlangen, den sie vor vielen Jahren einmal hatte.

Die Entdeckung war bedeutend genug, Paladin Lyons eine Feldbeförderung zum Ältesten und eine neue Direktive seitens seiner Vorgesetzten zu bescheren, nämlich für die Bruderschaft im Wasteland des Kapitols einen neuen und permanenten Stützpunkt zu errichten und die Suche nach weiteren fortschrittlichen, möglicherweise noch in den Ruinen der Hauptstadt verborgen liegenden Technologien fortzuführen.

Lyons nahm seinen neuen Posten freudig an und gründete die Zitadelle, die in und unter den Ruinen des Pentagons errichtet wurde. Es war eine Festung, die die stählerne Brüderschaft dringend benötigte und die sie dank einer weiteren großen Entdeckung, die Supermutanten, eiligst zu befestigen suchte.

Es hatte nicht lange gedauert, bis Lyons und die stählerne Brüderschaft die Supermutanten ausfindig gemacht hatten, größtenteils, weil sie gar nicht zu suchen brauchten: Die Supermutanten hatten nämlich sie gefunden! Im Wasteland des Kapitols – besonders in den städtischen Ruinen der Innenstadt von D.C. – konnte man den Supermutanten gar nicht aus dem Weg gehen.
 
Und deshalb war die stählerne Brüderschaft für die Menschen im Wasteland des Kapitols die Antwort auf ihre Gebete. In alle Herrenwinde verstreut, hungrig und größtenteils ohne jeglichen Zusammenhalt lebten sie mit der konstanten Bedrohung des Todes oder der Gefangennahme seitens der Supermutanten und das schon seit Langem. Der Älteste Lyons und seine tapferen Ritter und Paladins änderten all das. Zum ersten Mal war die Flut der Supermutanten zurückgeschlagen worden. Die unbewohnbaren Ruinen von D.C. waren zwar immer noch in der Gewalt der Supermutanten, doch hatte die Häufigkeit der Übergriffe auf die Siedlungen in der Umgebung erheblich abgenommen. Das Leben war zwar weiterhin hart und unfair, doch hatten die Bewohner des Wastelandes jetzt wenigstens eine Chance – und das hatten sie dem Ältesten Lyons und der Brüderschaft zu verdanken.

Citadel

Der Kampf, die Supermutanten in Schach zu halten, hätte den unschuldigen Menschen in der Gegend sicher gereicht, doch für die Brüderschaft blieben noch viele Fragen offen: Wie sind diese Supermutanten entstanden? Warum nahmen sie die Menschen des Kapitol-Wastelandes gefangen? Wohin brachten sie sie? Die Suche nach diesen Antworten sollte schließlich Owyn Lyons Obsession werden.

Die Jahre vergingen, doch ganz anders, als man es sich vorgestellt hatte. In der Tat hatte Lyons die Wichtigkeit, die die stählernen Brüderschaft für die Bewohner des Kapitol-Wastelandes spielen sollte, nicht erwartet. Noch war es etwas, das seine Vorgesetzten in Kalifornien in irgendeiner Weise interessierte. Ihr neuester Ältester hatte eine klar abgesteckte Mission, nämlich fortschrittliche Technologien in und um die Ruinen von Washington D.C. ausfindig zu machen.  Die Quelle der Bedrohung durch die Supermutanten auszuheben und zu zerstören, war natürlich auch wichtig. Aber das sollte nicht lang dauern ... oder? Gewiss würde die stählernen Brüderschaft mit ein paar Supermutanten fertig werden! Wie schwer könnte es schon sein, ihre Quelle zu lokalisieren und zu eliminieren? Lyons Hauptziel war in erster Linie die Beschaffung von Technologien. Die Supermutanten standen da ganz klar an zweiter Stelle. Und das war auch das Hauptthema bei jedem Austausch mit der Führungsspitze der stählernen Brüderschaft in Kalifornien.

Aber der Älteste Owyn Lyons hatte noch eine andere Priorität, die für ihn wichtiger war als die ursprüngliche Direktive oder jegliche anderen Befehle, die er seitdem erhalten hatte, nämlich der Schutz der unschuldigen Menschen des Kapitol-Wastelandes. Und so teilte Lyons seinen Vorgesetzten mit, dass er mit der Suche nach Technologien fortfahren würde, sobald er verdammt noch mal Zeit dazu hätte, und die Menschen, die auf die Tapferkeit und Kraft der stählernen Brüderschaft vertrauten, nicht im Stich lassen würde. 

BOS Scribe/ Elder

In den kalifornischen Korridoren von Lost Hills brachen daraufhin Gerüchte und Spekulationen aus. War Owyn Lyons etwa “heimisch geworden”, dass er die Bedürfnisse der Menschen von D.C. über die der Brüderschaft selbst setzte? Oder hatte ein Ältester der Brüderschaft endlich das selbstlose Verhalten an den Tag gelegt, das dem gesamten Orden als Beispiel dienen sollten? Zwischen zwei Fronten stehend, fassten die führenden Ältesten den einzigen ihnen möglichen Entschluss: Sie würden den Ältesten zwar weiterhin als einen Führer der stählernen Brüderschaft und der Zitadelle, ihrem Hauptquartier in D.C., anerkennen,  doch jegliche Unterstützung seitens der Westküste abbrechen. Wenn Lyons an der Ostküste seinen eigenen Absichten nachgehen wollte, dann allein.

Das war also der Entschluss des tapferen Ältesten. Die Kapitol-Wasteland-Division der stählernen Brüderschaft mit Hauptquartier in der Zitadelle wurde so zur eigenständigen Organisation: zwar weiterhin an die stählerne Brüderschaft an der Westküste angegliedert und an dessen Gesetze und Bräuche gebunden, aber anderenfalls gänzlich unabhängig.

Die meisten Soldaten des Ältesten Lyon unterstützten sein ehrenhaftes und tapferes Engagement gegenüber den Menschen des Kapitol-Wastelandes, ja, sie waren stolz auf ihren Anführer. Aber es gab auch jene, die ihre Opposition lautstark und aggressiv zum Ausdruck brachten. Sie waren der Meinung, der Älteste Lyons hätte durch Missachtung der Hauptmission der stählernen Brüderschaft, neue Technologien zu beschaffen, die grundlegenden Werte des Ordens selbst missachtet.

Eines Nachts verließen die Dissidenten die Zitadelle und machten sich mit Waffen, Power Armor und anderen Technologien und Ausrüstungen klammheimlich aus dem Staub. Das war ohne Frage Owyn Lyons finsterste Stunde. Er war ein barmherziger und verständnisvoller Mann geworden und konnte einfach nicht anders, als den Männern, die ihn im Stich gelassen hatten, zu vergeben, denn im Grunde hatten sie ja Recht: Er hatte das Hauptmissionsziel der Brüderschaft missachtet.  Das erkannte er und übernahm dafür die volle Verantwortung. Einige der Ritter und Paladine, die gegangen waren, hatten viele Jahre an seiner Seite gekämpft. Zusammen hatten sie Sieg und Niederlage, Schmerz und Freude geteilt. Doch für die Soldaten, die dem Ältesten Lyons treu geblieben waren, galt dieses Pflichtversäumnis und der Raub von Technologien als feige Handlung und Verrat.  So hatte Lyons kaum eine Wahl: Er brandmarkte die Dissidenten als "Ausgestoßene", als Verräter der stählernen Brüderschaft. Es war ein Name, den die ausgestoßenen letztlich als Zeichen der Ehre und des Stolzes tragen würden, zwischen sich und den "Soldatenkriechern" Lyons einen Abstand geschaffen zu haben.

Super Sledge/ BOS Under Armor

So ist der Zustand der stählernen Brüderschaft, wenn Sie, der Spieler, im Jahre 2277 auf die Bildfläche treten. Der Orden ist weiterhin dem Schutz der Menschen gewidmet. Seine Mitglieder sind hart, treu und der Ehre ergeben ... und kommen gerade so über die Runden.

Sarah, die Tochter des Ältesten Lyons, ist eine erwachsene Frau und eine der härtesten Krieger der Brüderschaft. In der Tat ist sie das einzige Mitglied, das den glorreichen Rang des Sentinel errungen hat und nun einen kleinen Elitetrupp, Lyons Pride, unter ihrer Befehlsgewalt hat.

Der Krieg mit den Supermutanten, ein Konflikt, der sich unentwegt über 20 Jahre lang hinweggezogen hat, wütet weiter, und die Brüderschaft fühlt die Belastung dieser nicht enden wollenden Auseinandersetzung. Ohne Verstärkung seitens der Westküste war Lyons gezwungen, sich vor Ort Rekruten zu suchen, und das Ergebnis war alles andere als erhebend: Die meisten Rekruten sind übereifrig, ungelernt oder beides, was eine entsetzliche Überlebensrate zur Folge hat. In der Tat so entsetzlich, dass sich schon überall im Wasteland des Kapitols herumgesprochen hat, dass man nach Beitritt in die stählerne Brüderschaft schon nächste Woche das Zeitliche segnet.

Die Ausgestoßenen haben seit Verlassen der Zitadelle an Macht gewonnen und ihr Leben wieder der für sie einzig wahren Mission der stählernen Brüderschaft gewidmet: Der Beschaffung neuer Technologien.

So hatte sich der Älteste Owyn Lyons ganz sicher nicht sein Leben vorgestellt noch erahnt, dass seine Führerschaft einmal auf diese Weise in die historischen Archive eingehen würde. Aber so ist nun mal die Karriere eines stählernen Brüderschaftsältesten.

Jetzt bleibt nur noch eine Frage: Wenn die Skribenten der stählernen Brüderschaft die noch kommenden Ereignisse niederschreiben, was wird man dann wohl über Sie sagen?
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